„Ostern ist schön, Georgstag ist noch schöner" - diese alte Redewendung bezeichnet sehr trefflich, wie die Bulgaren zum großen Frühlingsfest am 6. Mai stehen. Am Georgstag ehrten unsere Vorfahren die Schäfer und ihre Herden, denn einst waren die Bulgaren mit der Feldarbeit und der Tierzucht aufs engste verbunden.
Am Tag des Heiligen Georg, dem Beschützter der Schäfer, betete man vor allem um seine und die Gesundheit der Herden. Doch, das aller Wichtigste am Georgstag war und ist bis heute noch der Lammbraten. Er fehlt einfach auf keiner Tafel. Jeder, ob arm oder reich, leistet sich diese Delikatesse. Irgendwann vor sehr langer Zeit war das Lamm die Opfergabe für den Heiligen Georg.
Aus alten Überlieferungen wissen wir heute, wie einst der Georgstag gefeiert wurde. Kaum war Ostern vorüber, da bereiteten sich die Dorfbewohner auf den nächsten großen Feiertag, den Georgstag am 6. Mai vor. An diesem Tag standen die Frauen und Mädchen noch vor Morgengrauen auf, um Blumen und Zweige für einen Kranz zu pflücken, mit dem anschließend das Lamm geschmückt werden sollte. Danach gingen alle gemeinsam in die Kirche. Nach der Messe wurden alle Lämmer in einem eigens dafür gebauten Riesenbackofen zubereitet. Ebendort, unter freiem Himmel, wurde dann auch eine gemeinsame Tafel hergerichtet. Nach dem Essen wand sich auf den Wiesen ein lebensfroher Reigentanz. Dazu spielte ein Orchester und es wurde gesungen.
Der Georgstag wurde früher nicht nur von den Schäfern mit Ungeduld erwartet, sondern auch von den Schafsherden selbst. Am Georgstag wurden nämlich die Schafe zum ersten Mal nach dem langen und bitterkalten Winter geweidet. Wie es sich für ein Fest gehört, wurden sie mit frischen Blumen geschmückt und allen Dorfbewohnern gezeigt. Ein Ritual war auch das erste Melken. Die frische Schafsmilch gehörte anschließend ebenfalls auf die Festtafel.
Von den Bräuchen am Georgstag hängen recht viele allein mit der Zubereitung der Festtafel zusammen. Das ist aber nicht nur deswegen so, weil das Mahl besonders üppig ausfällt. Die verschiedenen Riten sollen auch vor Unheil bewahren oder die Ernte und den Wohlstand der Familie segnen. Ihr Sinngehalt findet auch in den stilisierten Figuren auf den Ritualbroten seinen Ausdruck. Die Zahl und Vielfalt dieser Figuren ist immens: kreisförmige und rechteckige, größere und kleinere Ornamente mit magischen Zeichen, Figuren, die die Tierställe, die Schafherden oder die Schäfer selbst symbolisieren. Die Kunst, solche Figuren auf dem Ritualbrot zu formen, ist nur eine der vielen Anforderungen, denen die Hausfrauen an diesem Tag gerecht werden mussten. Mit der Vergabe dieser Brote an Verwandte, Nachbarn, an die Schäfer und die Kirche, aber auch an die Tiere der Herde, schloss sich der Kreis der dörflichen Sorgen und Freuden, die am Georgstag ihren Höhepunkt erfuhren.
Quelle: www.bnr.bg